Educational Neuroscience in der klinischen Lehre: Die Fähigkeit von ärztlichen Dozierenden studentische Fehlkonzepte zu identifizieren.
Fehlkonzepte sind tiefverwurzelte, wissenschaftlich inkorrekte Vorstellungen von (medizinischen) Konzepten und Mechanismen, die auch nach formaler Instruktion häufig
persistieren [1]. In der Medizin können solche Fehlvorstellungen das wissenschaftliche und klinische Denken erheblich beeinträchtigen und zu Fehlentscheidungen in Diagnostik und Therapie beitragen [2]. Die Fähigkeit von ärztlichen Dozierenden, Fehlkonzepte bei Studierenden frühzeitig zu erkennen, stellt daher eine zentrale didaktische Schlüsselkompetenz dar. Der bisherige Forschungsstand konzentriert sich jedoch nahezu ausschließlich auf die kognitiven und metakognitiven Prozesse der Lernenden, insbesondere darauf, welche Fehlkonzepte Studierende aufweisen [2]. Studien zeigen, dass Fehlkonzepte besonders dann resistent sind, wenn sie mit hoher subjektiver Sicherheit einhergehen und metakognitiv nicht als problematisch erkannt werden [3]. Demgegenüber ist bislang weitgehend ungeklärt, wie Lehrende Fehlkonzepte bei Studierenden identifizieren und welche Prozesse diesem diagnostischen Lehrhandeln zugrunde liegen. Ein wachsender Forschungszweig der Educational Neuroscience ist die „Interpersonal Educational Neuroscience“, die neuronale Prozesse in Lehr-Lern-Interaktionen untersucht. Erste Studien berichten über eine Synchronisation neuronaler Aktivität, insbesondere im präfrontalen Kortex, zwischen Lehrenden und Lernenden während Lehrsituationen [4]. Neurowissenschaftliche Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) haben bereits Einblicke in die neuronalen Grundlagen der (Fehl-) Konzeptverarbeitung bei Medizinstudierenden geliefert [5]. Der Fokus lag bislang jedoch primär auf Lernprozessen und Interaktionen, nicht auf den neuronalen Mechanismen diagnostischer oder didaktischer Entscheidungen auf Seiten der Lehrenden. Bislang ist nur unzureichend erforscht, welche neuronalen Mechanismen bei ärztlichen Dozierenden ablaufen, wenn sie Fehlkonzepte von Studierenden erkennen. Befunde aus fMRT-Studien weisen darauf hin, dass die Entscheidungsfindung unter Stressbedingungen mit einer Reduktion selbstregulatorischer Kontrollprozesse assoziiert ist. [6] Da klinische Lehre häufig unter Zeitdruck, Stress und hoher beruflicher Mehrfachbelastung stattfindet und somit auch die Entscheidung über ein vorliegendes Fehlkonzept dadurch beeinflusst werden könnte, werden für diese Studie stressbezogene Faktoren berücksichtigt. Dies ermöglicht ein realitätsnahes Verständnis dafür, warum selbst fachlich exzellente Dozierende Fehlkonzepte übersehen können und liefert Ansatzpunkte für gezielte didaktische Interventionen.
Dieses Promotionsprojekt adressiert eine Forschungslücke, indem es Erkenntnisse aus der medizinischen Lehrforschung, insbesondere zur Robustheit von Fehlkonzepten und zur Rolle der Metakognition, systematisch mit Methoden der Educational Neuroscience verbindet. Ziel ist es, diagnostische Lehrkompetenz erstmals neurokognitiv zu charakterisieren und damit eine empirische Grundlage für evidenzbasierte Weiterentwicklungen in der Qualifizierung medizinischer Dozierender zu schaffen.
Zur Beantwortung der Forschungsfrage führt der/die Kollegiat*in eine experimentelle fMRT-Studie zur Erfassung der Gehirnaktivität ärztlicher Dozierender (n = 40) durch. Als Stimulusmaterial werden dem/der Kollegiat*in ca. 80 standardisierte Videosequenzen (á ca. 10 Sekunden) zur Verfügung gestellt, in denen simulierte Studierende medizinische Inhalte verbal erklären. Die Stimuli umfassen Aussagen mit Fehlkonzepten, korrekten wissenschaftlichen Konzepten sowie positive und negative Kontrollvideos und werden vor Studienbeginn didaktisch validiert [2]. Während der fMRT-Messung beurteilen die Proband*innen (ärztliche Dozierende) mittels binärem Tastendruck, ob die präsentierten Aussagen auf ein Fehlkonzept bei Studierenden hinweisen. Reaktionszeiten und Antwortgenauigkeit werden erfasst. Zur Untersuchung des Einflusses situativen Stresses wird ein experimentelles Between-Subjects-Design gewählt. Ärztliche Dozierende werden randomisiert einer Stressbedingung oder einer Kontrollbedingung ohne Stressinduktion zugeteilt. In der Stressbedingung wird akuter situativer Stress multimodal induziert. Die Stressmanipulation umfasst (1) eine zeitliche Begrenzung der Entscheidungsphase (Zeitdruck), (2) ein wiederholt eingespieltes auditives Signal in Form eines simulierten Diensttelefons zur Abbildung klinischer Mehrfachbelastung sowie (3) die Ankündigung einer leistungsbezogenen Bewertung der individuellen Entscheidungsgenauigkeit. Durch die Kombination dieser Elemente wird eine realitätsnahe Bewertungssituation erzeugt, die typische Anforderungen klinischer Lehr- und Arbeitssituationen widerspiegelt. Eine Stressmessung erfolgt durch das Messen der Herzfrequenz, sowie einer subjektiven Einschätzung des Stressempfindens mittels Fragenbogen. Akut induzierter Stress ist nachweislich mit einer Reduktion präfrontaler Kontrollprozesse und einer veränderten Entscheidungsfindung verbunden, insbesondere in komplexen und unsicheren Bewertungssituationen [7;8]. Der anteriore cinguläre Cortex (ACC) spielt hierbei eine zentrale Rolle im Konfliktmonitoring, der Verarbeitung von Unsicherheit und der Detektion potenzieller Fehlentscheidungen [9;10]. Eine erhöhte ACC-Aktivierung wird insbesondere dann beobachtet, wenn widersprüchliche Informationen bewertet oder konkurrierende Antwortoptionen abgewogen werden müssen – Prozesse, die für die Identifikation studentischer Fehlkonzepte unter Stressbedingungen zentral sind. Die Bildgebung erfolgt an einem 3-Tesla-MRT; die Auswertung umfasst Whole-Brain- sowie hypothesengeleitete ROI-Analysen, um stressabhängige Aktivierungsmuster, insbesondere im ACC und präfrontalen Kontrollarealen, zu untersuchen.
- Art der Promotion
- Forschungssemester notwendig?
- Finanzierung/Anstellung
- Angeschlossen an ein strukturiertes Promotionsprogramm?
- Zeitplan
- 01.10.26
- Abteilung / Struktureinheit
- ein Dokument mit weiterführenden Informationen
Betreuung
- Erstbetreuung
- weitere Betreuende
Relevante/Repräsentative Publikation mit evtl. Vordaten
Methodik/Aufgaben
- Experimentell
- klinisch
- theoretisch
- statistisch
Bewerbung
- Bewerber:innen-Profil
- Benötigte Bewerbungsunterlagen
- Sonstige benötigte Bewerbungsunterlagen